Letztes Plädoyer im Mordprozess um das »Horror-Haus« Freispruch gefordert

Paderborn/Höxter (WB). Selbst der 57. Verhandlungstag im »Horror-Haus«-Prozess war noch für eine Überraschung gut: Anwalt Peter Wüller forderte Freispruch für Angelika W. (49) in allen Anklagepunkten.

Von Christian Althoff
Angelika W. (49) und Peter Wüller, einer ihrer beiden Verteidiger, am 57. Verhandlungstag vor dem Landgericht Paderborn. Der Prozess wird voraussichtlich am 5. Oktober zu Ende gehen – zwei Jahre nach seinem Beginn. Foto: Besim Mazhiqi

Zu Beginn des Plädoyers wandte sich der Verteidiger an die Nebenklägerin Sigrid Kamisch (77). Die Mutter der toten Anika W. (33) war fast zu jedem Verhandlungstag aus Berlin angereist. »Sie waren mutig, denn Sie haben sich Dinge anhören müssen, die jeder Mutter wehtun«, sagte der Anwalt.

Die jahrelangen Misshandlungen im »Horror-Haus« – Wüller beschönigte nichts. »Es war ein perfider Plan der beiden Angeklagten, mit Kontaktanzeigen immer wieder neue Frauen ins Haus zu locken und sie körperlich und seelisch zu misshandeln.« Die Frauen seien »systematisch entmenschlicht« worden. Das habe sich auch daran gezeigt, dass ihnen ihre langen Haare abgeschnitten worden seien. »Kühe und Schweine werden in Deutschland besser gehalten als die Opfer in Höxter-Bosseborn gehalten wurden«, sagte Wüller. Unter anderem waren Frauen nachts an einen Heizkörper angekettet worden und hatten nicht zur Toilette gedurft. Eine Überlebende hatte als Zeugin ausgesagt, sie habe in ihrer Not das Katzenklo benutzt.

»Was in dem Haus passiert ist, war pervers, krank und abartig«, sagte Wüller. Dafür, dass seine Mandantin an den Quälereien einen ganz erheblichen Anteil hatte, lieferte er eine schlichte Begründung: »Angelika W. wurde jahrelang von ihrem Mann auf unvorstellbare Weise misshandelt. Er ließ sie nur in Ruhe, wenn andere Frauen im Haus waren und gequält wurden. So wurde meine Mandantin vom Opfer zur Täterin.« Warum die hochintelligente Angelika W. ihren mutmaßlichen Peiniger nicht einfach verlassen hatte – dazu sagte Wüller nichts.

Wüller sieht keinen Grund für eine Bestrafung

So schlimm die Verbrechen nach seinen Worten auch gewesen sind – einen Grund für eine Bestrafung seiner Mandantin sieht Wüller nicht. »Die Quälereien, die es in Bosseborn gegeben hat, hat die Staatsanwaltschaft nicht angeklagt. Also kann dafür auch niemand zur Rechenschaft gezogen werden«, sagte Wüller. Dann ging er auf die angeklagten Taten ein: Misshandelt und entkräftet starb Anika W. (33) 2014 im »Horror-Haus«. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hätte sie überlebt, wenn die Angeklagten sie rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht hätten – »Mord durch Unterlassen« lautet der Vorwurf. Wüller: »Es weiß aber niemand, woran Anika gestorben ist. Ihre Leiche wurde eingefroren, zerstückelt und verbrannt. Ohne die Todesursache zu kennen, kann der Staatsanwalt nicht behaupten, sie hätte gerettet werden können.«

Dann gab es den Fall von Susanne F., den die Staatsanwaltschaft als versuchten Mord wertet: Angelika W. packte die gefesselte Frau in die Badewanne, drehte das Wasser auf und ging zu Wilfried W., um ihm zu sagen, dass die Frau jetzt ertrinke. Wüller: »Viermal hat meine Mandantin ihm das gesagt. Sie wollte, dass Wilfried die Frau rettet, wie es dann ja auch geschah. Das war ein Rücktritt vom Mordversuch.«

Im April 2016 stürzte Susanne F. (41) und baute am nächsten Tag so sehr ab, dass die Angeklagten ihren Tod befürchteten und sie zurück in ihre Wohnung nach Bad Gandersheim fahren wollten. Dort kamen sie nicht an: Susanne F. erlag einer Hirnblutung, die wohl auf den Sturz zurückzuführen war. Wüller: »Für einen medizinischen Laien ist eine Hirnblutung nicht zu erkennen. Darum war es auch in diesem Fall kein Mord durch unterlassene Hilfe.«

Urteil am 5. Oktober

Wüller sagte, sollte das Gericht seinem Antrag auf Freispruch nicht folgen, halte er eine Haftstrafe von höchstens zwölf Jahren für angemessen. »Zwar sieht das Gesetz bei Mord Lebenslang vor, doch denke ich, dass die Strafe für meine Mandantin wegen der Kronzeugenregelung gemildert werden muss.« Schließlich habe Angelika W. den Tod von Anika W. öffentlich gemacht, »von dem sonst niemand erfahren hätte«.

Zwölf Jahre Haft – so ein Urteil hieße, dass Angelika W. auf jeden Fall acht Jahre (zwei Drittel) absitzen müsste. Da sie seit fast zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft ist, käme sie im für sie günstigsten Fall also in fünfeinhalb Jahren frei.

Am Freitag haben die Angeklagten die Möglichkeit zum »letzten Wort«, am 5. Oktober soll das Urteil gesprochen werden.