Bernhard Lendermann saß nach Unglück im Rollstuhl und starb im April Nach Ballonfahrt gelähmt: Witwe führt Klage weiter

Salzkotten (WB). Vier Jahre nach einem schweren Ballonunglück hat vor dem Landgericht Arnsberg der Zivilprozess gegen den Piloten begonnen. Das Opfer (78), das nach dem Unfall im Rollstuhl saß und die Klage eingereicht hatte, erlebte den Prozess nicht mehr: Es starb im April – wohl an Spätfolgen des Unglücks.

Von Christian Althoff
Weil Bernhard Lendermann den Kopf zum Trinken nicht nach hinten bewegen kann, hilft seine Frau Annelies. Foto: Christian Althoff

Die Ballonfahrt hatte Prof. Dr. Lendermann aus Salzkotten , der bis zu seiner Pensionierung einen Lehrstuhl für Chemie an der Universität Paderborn hatte, von seiner Familie zum 75. Geburtstag bekommen. Der Ballon eines Bielefelder Luftfahrtunternehmens hob am 1. August 2015 gegen 19.30 Uhr mit fünf Passagieren vom Flugplatz Paderborn-Haxterberg ab. Weil der Wind nach Süden blies, ging die Fahrt über bewaldetes Gebiet mit vielen Hochspannungsleitungen. »Es gab kaum Landeplätze, die vor Sonnenuntergang erreicht werden konnten«, sagt Marc Melzer, Fachanwalt für Medizin- und Versicherungsrecht.

Acht Wochen vor seinem Tod sagte Prof. Lendermann dem WESTFALEN-BLATT: »Beim ersten Landeversuch haben wir einen Hochsitz gerammt, beim zweiten Mal wären wir fast auf einer Bullenwiese gelandet.« Beim letzten Versuch sei es dann fast senkrecht nach unten gegangen. Der Korb schlug auf, kippte um und wurde von der Hülle mitgeschleift. »Ich weiß noch, dass ich im Korb lag und ein Gefühl hatte, das ich nicht kannte. Es war ein Knirschen und Knacken. Ich rang nach Luft und konnte mich nicht bewegen.«

Wirbelsäule abgerissen

Lendermanns Wirbelsäule war am vierten Wirbel abgerissen. Seine Arme und Beine waren gelähmt, er musste künstlich ernährt werden und konnte nicht mehr sprechen. Mit Hilfe seiner Frau Annelies (70), mit Ergotherapie, Physiotherapie und eisernem Willen kämpfte sich der Senior ins Leben zurück. Zuletzt konnte er wieder sprechen und seine Fäuste benutzen, um Knöpfe und Hebel seines Elektrorollstuhls zu bedienen. Doch im April starb der 78-Jährige. Rechtsanwalt Melzer: »Die von der Familie veranlasste Obduktion ergab, dass der Tod eine Folge des Ballonunfalls war.«

Die Witwe Annelies Lendermann führte die Klage weiter, die ihr Mann eingereicht hatte. »Die Ballonfahrt war schlecht geplant«, sagt Rechtsanwalt Marc Melzer. Der Pilot hätte wissen müssen, dass es auf dieser Route schwer werden würde, einen Landeplatz zu finden.« Mit seiner Einschätzung stützt sich der Fachanwalt auf ein Gutachten eines Luftfahrtexperten, das Bernhard Lendermann noch in Auftrag gegeben hatte.

Kein Vergleich

Doch Privatgutachten zählen vor Gericht nicht. Die Zivilkammer hatte selbst einen Sachverständigen beauftragt, und der beantwortete vor vollbesetzten Zuschauerreihen mehrere Stunden lang die Fragen der Prozessbeteiligten. Nach seiner Überzeugung hat der Pilot keinen Fehler gemacht. Es habe auch nichts dagegen gesprochen, einen 75-Jährigen mitzunehmen.

Die Haftpflichtversicherung des Piloten hatte dem Unfallopfer bereits einen Abschlag von 80.000 Euro gezahlt. Nun schlug das Gericht einen Vergleich vor: Die Versicherung sollte weitere 100.000 Euro zahlen, damit sollten dann alle Ansprüche abgegolten sein.

Doch auf diesen Vergleich ließ sich Annelies Lendermann nicht ein. Ihr Anwalt Marc Melzer: »Der behindertengerechte Umbau des Hauses mit Fahrstuhl, die Beschäftigung externer Pflegekräfte – das alles hat meine Mandantin und ihren Mann schon 400.000 Euro gekostet.«

Das Gericht hat für den 27. Juni einen Verkündungstermin angesetzt. Dann wird es entweder ein Urteil sprechen oder mitteilen, dass es noch weiteren Aufklärungsbedarf hat.